Textauszug Schritte

Es gibt eigentlich gar keinen vernünftigen Grund, weshalb ich meine Wohnung verlassen sollte. Ich habe hier alles, was ich zum Leben oder sagen wir lieber, zum Überleben benötige. Genügend Wohnraum, mehr als genug für mich alleine mit knapp 100 Quadratmetern und dreieinhalb Zimmern. Fenster öffnen mir den Blick in die Welt da draußen, einem ruhigen Berliner Stadtviertel im Süden mit hundertjähriger Bausubstanz, verschlafenen kleinen Plätzen, geräumige Innenhöfe mit Gartenanlagen und Spielgeräten, Kopfsteinplasterstraßen, über die morgens um sieben die Müllautos rumpeln und mich aus schlechten Träumen reißen, S-Bahnstrecke, die hinter einer weiteren Häuserzeile zweistöckiger Einfamilienhäuser mit Gärten im Siebenminutentakt dahinrauscht.

Nein, ich brauchte überhaupt nicht aus dem Haus zu gehen. Nicht einmal zum Einkauf, der inzwischen über einen online Bringedienst abgewickelt werden kann. Die Welt da draußen kommt mir als digitales Spiegelbild, oder sollte ich lieber sagen Zerrbild, über PC und Fernseher ins Haus. Zerrbild, Spiegelbild? Was spielt es für eine Rolle, da alle Wahrnehmung in mir geschieht. Ich bin drinnen und draußen zugleich.

Wenn ich nun dazu verurteilt wäre, wochenlang in meiner Wohnung zu verweilen, etwa, weil im Haus drunten, sagen wir in einer Wohnung im ersten oder zweiten Stock, jemand versehentlich auf Corona positiv getestet worden wäre, und die ganze Wohnanlage in Isolierhaft zwingen würde, oder wenn ich mit einer digitalen Fußfessel wegen eines Verbrechens verurteilt, daheim bleiben müsste, was auf dasselbe hinausliefe, an was würde es mir fehlen?

Ich müsste weder verhungern noch verdursten, die Langeweile könnte ich mir vertreiben, indem ich mich durch die TV Kanäle zappe, mir die neusten Verschwörungstheorien im Netz anschaue oder deren zwangsweise Löschung beobachte, mir die engagierten Gegendarstellungen der Regierung ansehe, die unweigerlich unter den jeweiligen Videobotschaften aufpoppen. Oder ich vertriebe mir die Zeit mit Ballerspielen, tippen von Whatsapp Nachrichten, Voicemails, Chatbotschaften. Ich könnte hundert Jahre so leben.

Doch wenn ich morgens verschlafen und misslaunig in den Badezimmerspiegel schaue, dann begegnet mir der müde Blick eines ungepflegten 65 jährigen, seit Tagen nicht mehr rasiert, dessen Tränensäcke sich schon verdoppelt haben, der mir, abgemagert, mit eingefallenen Wangen, hohläugig unter einem verfilztem Haarschopf mit geröteten Augen entgegenstiert, die Schultern nach vorne gebeugt, sich mühsam aufrecht haltend, mit mageren Armen auf denen sich ein Netz dick aufgetriebenen Venen schlängeln. Hinter diesem Blick, der mich selbst erschreckt, spüre ich eine endlose Leere, an dessen Grund sich eine explosive Mischung von gedämpfter Wut und Hoffnungslosigkeit zu einer tödlichen Ladung emulgiert hat, doch der Zünder fehlt. Wie ein Blindgänger aus dem letzten Krieg, dessen Sprengkraft zwar noch ganze Häuserzeilen zerreißen könnte, dem aber der Auslöser versagt hat.

Nach der oberflächlichen Spülung meines Rachens, um die klebrigen Reste eingedickten Speichels von der Nacht zu beseitigen, der Verrichtung der Notdurft, wende ich mich dem Fenster zu, ohne eine Idee zu haben, was mit dem heutigen Tag anzufangen sei. Es ist erst kurz vor acht.

Das Haus ist ruhig, bis auf den gedämpften Klang eines Radios oder Fernsehers in einer weiter entfernten Wohnung, der sich hinter dem gleichmäßigem Ticken meiner rosa Kinderuhr Gehör verschaffen will, doch dem es nicht gelingt, sich in den Vordergrund zu drängen.

Das Telefon schweigt, wie schon seit mehreren Tagen. Seit ich Whatsapp abgeschaltet habe und überhaupt nur noch das alte Tastentelefon benutze, hat sich mein soziales Umfeld auf null reduziert.

Ich brauchte mich dennoch gar nicht aus dem Haus zu bewegen, wenn nicht diese Leere in mir wäre. Ich weiß doch, dass sie um so quälender wird, je weiter ich mich nach draußen bewege. Die Nachbarin, die gleich gegenüber wohnt, drückt sich ängstlich im Treppenhaus an mir vorbei, immer den maximalem Abstand suchend und grüßt nur nickend, da sie fürchtet, jedes Wort, welches über unsere Lippen kommt, könne im Aerosolnebel todbringende Viruslast mit sich tragen. Wir haben auch früher kaum miteinander geredet. Sie ist eine ältliche, alleinerziehende Feministin mit der Grundeinstellung, dass alle Männer Schweine sind. Aber nun ist nicht einmal ein oberflächliches ›Hallo‹ von ihrer Seite zu hören.

Die Familie unter mir reißt alle Flurfenster auf, so dass sich bei schlechten Wetterlagen Regenpfützen auf den Absätzen des Treppenhauses sammeln, um durch ordentliche Belüftung dem grausamen Infektionstod zu entgehen. Ihr Hund soll ja theoretisch auch an Corona sterben können, ich weiß nicht, ob daher ihre große Sorge rührt.

Ich gehe nicht mehr aus dem Haus, außer in sehr zwingenden Fällen, weil ich es nicht ertragen kann an maskentragenden kurzatmigen Menschen vorbeigehen zu müssen, deren Blick wachsame Ängstlichkeit ausdrückt, die die Straßenseite wechseln, wenn sie auf hundert Meter jemanden entgegenkommen sehen. Auch ich, der das alles etwas skeptischer sieht, ist bereits vom »Halten Sie Abstand« Wahn befallen, aber eher auf negative Weise, indem ich dafür sorge, dass die wenigen Menschen, die mir entgegenkommen, keine Chance haben, mehr als 50 Zentimeter entfernt an mir vorbeizugehen. Ich weiß, dass das kindisch ist. Aber ich hasse sie, diese Maskenträgeruntertanen.