Textauszug: Der Anarchist

Durch die Erkenntnis des masochistischen Naturgesetzes geriet ich in einen eigenartigen Zustand. Individuelle Liebe und Leiden machten auf mich keinen sonderlichen Eindruck mehr. Ich begann den Masochismus im Leben und Wirken der Natur, in der Geschichte der Menschheit, im sozialen Leben und in der Kultur zu beobachten. Gründet sich nicht das große Entwicklungsprinzip der Natur darauf, daß Existenz und Fortschritt einer Gattung abhängig sind von dem Druck des umgebenden Milieus?! Je schwieriger die Existenzbedingungen, je härter der Druck der Umgebung, je mehr Leiden eine Gattung zu erdulden hat, umso stärker muss die Reaktion hierauf bei derselben eintreten, um so stärker werden ihre Kräfte und Fähigkeiten angespannt und müssen rückwirkend die Gattung auf eine höhere Stufe erheben! „Das Leiden also ist das treibende Moment in der Natur. Dieselbe ist somit — masochistisch.“ Auch innerhalb der Gattung selbst gilt dieses Gesetz. Haben sich nicht in der Gattung „Mensch“ gerade jene Varietäten am höchsten entwickelt, die das härteste Milieu zu bewältigen hatten?! Die von der Natur am schwersten mit Nahrungssorgen geplagt wurden?! Die am meisten litten?! Ist nicht die Existenz der Lebewesen abhängig vom ,,Kampf ums Dasein“, von der gegenseitigen Bekämpfung der Arten, gegenseitiger Vernichtung?! Es ist ein charakteristisches Zeichen für die menschliche Natur, daß alle Religionen, die sie sich schuf, von dem Leitsatz erfüllt sind: „Nur durch Leiden kannst du selig werden!“ Ist es nicht erst recht Masochismus, wenn sich die Menschheit durch die moderne Wissenschaft, auch noch der Hoffnung aufs Jenseits, auf Ewigkeit und Seligkeit, beraubt und nichts an seine Stelle setzt?! Betrachtet die Weltgeschichte! War nicht die Geburt jeder großen Idee mit furchtbaren Wehen — mit dem Wirken von Feuer und Schwert, Blut und Tod — verknüpft? Hat nicht die Menschheit ihre größten Wohltäter ans Kreuz geschlagen?! Ihnen mit Galgen, Folterkammer, Rad, Scheiterhaufen, Zucht- und Irrenhaus gedankt?! Und alles aus Menschenliebe!

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„Die Dinge ändern sich manchmal recht schnell“, erwiderte er lakonisch, „und doch…!“ Er blieb einen Moment stehen, fixierte mich mit seinen fast grauen Augen, während seine Lippen einen leicht abschätzigen Ausdruck annahmen, „und doch wiederholen sie sich mit einer nahezu uhrwerkartigen Gesetzmäßigkeit. Kommen Sie!“ Er packte mich sanft am Ellenbogen. „Es ist nicht ratsam, zu lange zu verweilen. Wohin genau wollen Sie denn?“ Noch über seine letzten Worte nachsinnend, deren Sinn sich mir nicht ganz erschließen wollte, zögerte ich ein wenig mit der Antwort. Doch da sein Druck an meinem Ellenbogen eine durchaus gut gemeinte, wenn auch energische Aufforderung andeutete, gab ich nach, um ihm zu folgen. „Eigentlich wollte ich mich für heute Abend neu einkleiden.“ „Ach, da gehen Sie am besten in den Wiener Graben. Ein Stück kann ich Sie dorthin mitnehmen.“ „Vielen Dank, recht freundlich. Ich fühle mich im Moment doch recht unsicher, muss ich gestehen. Da schauen sie!“ Kurz vor uns versorgten einige Helfer mit einer Rotkreuzbinde am Arm einen Gestrauchelten oder Verletzten und nicht weit davon entfernt schienen Angehörige der Heilsarmee einigen wenige  Obdachlose oder zerlumpte Gestalten ein Essen zu reichen. Die ersten Menschen, die wir zu Gesicht bekamen, wo gestern noch der lebhafteste Publikumsverkehr vorzufinden war, denn wir näherten uns bereits dem Zentrum. Der beißende Geruch verbrannten Gummis zog durch die Luft und Rußpartikel regneten auf uns herab. „Ekelhaft!“, rümpfte er die Nase. „Und töricht!“ „Ich verstehe nicht“, wunderte ich mich, denn den Gestank konnte er wohl nicht meinen. „Finden Sie nicht?“, wandte er sich an mich. „Diese Kreaturen meinen mit ihrer Hilfsbereitschaft ein hehres Werk zu tun, dabei sorgen sie nur dafür, dass das Elend sich verlängert.“ Ich blieb stehen und schaute ihn erstaunt an. „Können Sie das erklären? Wie kann Hilfsbereitschaft schädlich sein? So in etwa verstehe ich Ihre Meinung, nicht wahr?“ „Bleiben wir nicht stehen!“, drängte er mich weiter ohne mir eine Antwort zu geben. „Sehen Sie! Was Ihnen wie ein Gebot der Menschlichkeit erscheinen mag, ist nichts weiter als törichte Ignoranz. Denn was, frage ich Sie, was ist die Folge davon?“ „Ich bitte Sie, was anderes als das Elend in Not geratener Kreaturen zu lindern sollte höchst lobenswert sein? Ich sehe darin nichts Törichtes.“ Er blieb kurz stehen, schaute mich mitleidig an, und zog mich sofort weiter. „Sie haben meine Frage nicht beantwortet, so gestatten Sie, dass ich selbst Ihnen die Antwort gebe. Glauben Sie, dass diesen Kreaturen damit wirklich geholfen ist, wenn ihnen jemand die Hand reicht? Im Gegenteil! Dieser Akt der Menschlichkeit, wie Sie es nennen, führt nur dazu, dass sich eben gar nichts ändert. Die erbärmliche, bemitleidenswerte, Hilfe heischende Kreatur bleibt was sie ist, erbärmlich. Denn sie wird am nächsten Tag wieder um Hilfe winseln. Nichts wird sich ändern, reich bleibt reich und arm bleibt arm. Doch jede Handreichung in der Not stabilisiert genau diesen Zustand.“ Betroffen schwieg ich. Welch grausame Weltsicht. „Es wird im Gegenteil dazu führen“, fuhr er ungerührt der Ungeheuerlichkeit seiner Worte fort, „dass sich die Elenden von Tag zu Tag mehren. Wie die Tauben, die von mitfühlenden Menschen gefüttert, zu einer Plage werden.“ „Ein hartes Wort!“, erwiderte ich, welches so ganz gegen meine eigene Berufsethik verstieß. Er lächelte kurz. „Was würden Sie denn als menschlich betrachten?“, versuchte ich es vorsichtig. „Waffen! Geben Sie den Leuten Waffen statt Brot, damit sie sich aus ihrer erbärmlichen Lage selbst befreien können. Gebt ihnen kein Brot, sondern Tritte. Entzieht ihnen jede Fürsorge, bis sie vor Wut überkochen. Dann mein Herr, erst dann handeln Sie wirklich menschlich. Ich muss Sie jetzt verlassen. Es hat mich sehr gefreut, Sie kennen zu lernen. Der Graben liegt zwei Straßen weiter zur Linken. Guten Tag.“ Erschrocken war ich stehen geblieben, während er mir höflich den Hut lüftend zum Abschied zunickte und sich dann schnellen Schrittes entfernte.

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Das war einfach zuviel! Entsetzt ließ ich die Seiten sinken. Doch gleichzeitig verstand ich, welch ungeheures Glück ich gehabt hatte, der seltsamen Kellerversammlung unbeschadet zu entgehen. Ich erinnerte mich des Ausspruches meines greisen Biologielehrers in meiner Jugend- und Schülerzeit, der, mit einem unübersehbaren Hang zur Depression, vor uns am Katheder stand und immer wieder diesen Satz aussprach: „Der Meeensch, greeeßtes Raubtier wo gibt!“ Er war Schlesier, soweit ich mich erinnere. Doch ist diese unglaubliche Grausamkeit, diese Lust am Schmerz anderer, nicht ein Spezifikum des Menschen? Ist dies dem Tiere nicht völlig fremd? Und ist es nicht überall dort zu finden, wo sich der Mensch die Erfüllung der erotischen Lust versagt, den Genuss des Seins in einem wunderbaren Körper, verschüttet durch einen neurotischen Geisteszustand? Welche unausgesprochene, ungelöste Existenzfrage steckte hinter dem Wunsche andere sterben oder leiden zu sehen? War es, wie der Verfasser dieser kranken Schrift annahm, der stille Wunsch, sein eigenes Leiden, den Schrei der eigenen gequälten Seele nach außen projiziert zu sehen, um sich durch die Schreie und Qualen der Gefolterten reinigen, befreien zu können? War es der Wunsch übermächtig zu sein, indem man über das Leben und Leiden eines anderen Menschen herrschte, um die eigene Minderwertigkeit nicht vergegenwärtigen zu müssen? Als Psychiater waren mir die schwarzen Tiefen der menschlichen Seele, die schlummernden Dämonen der Finsternis der inneren Verzweiflung nicht unbekannt. Dennoch rief mir diese Schrift einen Schauer der Abscheu hervor, wie ich es nie zuvor erlebt hatte. Selbstgeiselungen hatten durchaus eine kathartische Wirkung, zweifellos. Mochten die Folterungen Anderer dieselbe Wirkung haben? Waren die Revolutionen und Pogrome etwa nichts anderes als die Ausleitung eines im Inneren schwelenden seelischen Geschwüres, welches der Öffnung und Ableitung des Eiters bedurfte? Ich schüttelte den Kopf. Mich fröstelte, so dass ich mir eine Decke überwarf. Wie leicht war die Masse doch durch gezielte Falschmeldungen zu verführen und zu beeinflussen, durch vorenthaltene Informationen zu irritieren, so dass sie die falschen Schlüsse aus dem aktuellen Geschehen zogen. Mir fielen die Hexenprozesse des Mittelalters ein, die tausenden unschuldiger Frauen unter grausamsten Umständen das Leben gekostet haben mochten. Doch auch fielen mir die Epidemien ein, die Pest, die Grippetoten, die immer wieder ganze Völkerscharen auslöschten. Die Kriege, die aus nichtigen oder selbstsüchtigen Anlässen geführt, Millionen von Todesopfer forderten. Waren dies alles vielleicht von weiser Vorsehung geschickte Reinigungsprozesse, die wie die Brände der Wälder in heißen Sommern Platz für Neues schafften? Waren Sie ein Naturphänomen, welches eigenen übergeordneten Gesetzmäßigkeiten folgte? Ich wusste es nicht zu sagen.