Gespräch mit Bärchen

(Auszug aus der Anthologie: Naturidentisches Leben)

„Was meinst du, soll ich anfangen, wenn ich demnächst Rentner werde?“, frage ich Bärchen.
Bärchen schaut mich nur nachdenklich an und sagt nichts.
Seit Weihnachten besitze ich nämlich einen Teddybär, einen großen braunen mit Kuschelfell. Mit Kuschelfell und einem ziemlich dicken Kopf. Bärchen. Den haben mir meine Kinder zu Weihnachten geschenkt.
Eine merkwürdige Idee, seinem über sechzig Jahre alten Vater einen Teddybären zu schenken.
Und dennoch, irgendwie mag ich den Bären. Er ist so groß, dass er mit dem Kopf bequem meine Nackenkuhle ausfüllt, wenn ich ihn an mich drücke und dann reicht mir sein Po bis fast an den Bauch. Also er ist nicht so ganz klein. Sein Podex erinnert ein wenig an den Windelpopo meiner Kinder, als sie noch welche trugen. Jetzt nicht mehr und ich trage auch noch keine, immerhin.
Ich habe ihnen früher immer beruhigende leichte Klapse auf den Windelpopo gegeben, wenn das Bäuerchen nicht kommen wollte. So mach ich es auch mit Bärchen. Aber der macht kein Bäuerchen. Er ist ganz ruhig und schaut zufrieden.
Immer.
Das ist es, was mir an Bärchen so imponiert. Er schaut immer zufrieden mit seinen kleinen braunen Augen und seiner hellen Bärenschnauze.
Ich will nicht sagen, dass ich immer mit Bärchen geredet hätte. Anfangs nicht.
Anfangs hab ich ihn nur mit mir herum getragen, ihn an den Tisch gesetzt, in den Babystuhl, der aus unerfindlichen Gründen immer noch an unserem Esstisch steht. Da passen die Kinder schon seit Jahren nicht mehr rein. Bärchen schon. Und dann hab ich vor Bärchen ein Buch aufgeschlagen, damit es so ausschaut, als ob er lese, oder ein Messerchen und ein Tässchen aus dem Puppengeschirr, welches sich ebenfalls aus unerfindlichen Gründen immer noch in einer Kiste in unserem Abstellschrank befindet.
Eigentlich nur so aus Spaß habe ich es so arrangiert, als wenn Bärchen mit irgendetwas schwer beschäftigt wäre. So wie früher, wenn ich für die Kinder ein Theaterstückchen mit ihren Stofftieren gegeben habe. Das fanden sie immer lustig. Jetzt fanden sie es anfangs auch ein wenig komisch, aber als ich nicht aufhören wollte damit, Bärchen als neues Familienmitglied zu dekorieren, da wurden die Blicke meiner Lieben ein wenig skeptisch. Es war ihnen offenbar peinlich.
Bärchen nicht, der war zufrieden. Mir auch nicht, ich fand es irgendwie passend und normal. Ich will damit sagen, früher, als die Kinder noch klein waren, war es ja auch ganz normal, dass ihr Vater mit den Stofftieren Theater spielte. Ich bin eben routiniert darin.
Aber nun sind sie ja schon älter, die Kinder, fast schon erwachsen. Zumindest fühlen sie sich so. Und ich bin auch schon viel, viel älter, werde dieses Jahr in Rente gehen.
„Mach dir nichts draus“, sagte ich zu Bärchen, als die Älteste wieder einmal missbilligend die Augen verdrehte, als ich mit Bärchen unterm Arm ins Schlafzimmer wanderte, um ihn ins Bett zu legen. Zwischen meine Frau und mich. Da ist seit einigen Jahren viel Platz. Viel mehr als früher. Sehr viel mehr.
Platz genug für Bärchen, jedenfalls. „Mach dir nichts draus“, beruhigt ich Bärchen nochmals und streichelte ihm über den Popo. Bärchen machte sich auch nichts draus, sondern kuschelte sich ganz dicht an mich. Er ist so schon warm, schon nach kurzer Zeit, wenn man ihn an sich drückt und einige seiner Haare kitzeln immer im Gesicht. Das ist lustig und angenehm, denn im Bett, so in der Nähe meiner Frau, da wird mir in letzter Zeit schnell kalt. Da fehlt so ein bisschen was. Von früher meine ich.
Manchmal wache ich morgens auf und habe Bärchen im Arm. Den muss ich dann wohl im Schlaf fest an mich gedrückt haben, so wie früher… na ja.
Aber immerhin kann man gut mit Bärchen reden. Das ist der Vorteil. Bärchen streitet nie, sondern kann ganz wunderbar zuhören. Da kommen dann die Worte ganz von allein über die Lippen. Worte, die man sonst vielleicht verschluckt hätte. Und manchmal, da ist es mir, als schaue eine ganz alte und kluge Seele aus seinen Augen. Eine gütige Seele. Eine Seele, bei der man die Wahrheit sagen darf, auch die, die man vor sich selbst am liebsten verschweigen würde.
So habe ich angefangen mit Bärchen zu sprechen.
Erst nur ein paar Sätze. Dann, als er mich mit seinen klugen Augen so freundlich ansah, auch ein wenig mehr Sätze. So zum Beispiel: „Sieh mal, jetzt bin ich wohl alt geworden. Nicht mehr so wie früher. Und schön ist es auch nicht. Was meinst du, soll ich wohl machen, wenn ich jetzt in Rente gehe?“
Ich weiß genau, das Bärchen nicht antworten wird. Nein, dazu ist er viel zu fein. Er schaut mich nur an und wartet, bis ich selbst drauf komme, wenn mein Herz nicht mehr vor Angst zittert, oder Enttäuschung. „Meinst du, wir sollten nach Spanien gehen? Da ist es wenigstens warm. Nicht so wie hier. Zuhause, mein ich.“
Bei Bärchen bewegen sich ein wenig die Ärmchen, wenn er sehr tief und gründlich über meine Fragen nachdenkt.
So wie jetzt. Das tut gut, dass er über so wichtige Fragen so tief und gründlich nachdenken kann und doch so freundlich schaut dabei. „Wir könnten ein Häuschen kaufen“, fällt mir ein und Bärchen ist sofort damit einverstanden, das spüre ich. „Ein kleines feines Häuschen, mit weißen Wänden in einem kleinen feinen Bergdorf in Spanien. Mit einem Gärtchen und einigen Zimmerchen. Nur für uns beide und auch eines für die Kinder, wenn sie uns mal besuchen kommen würden. Und auch ein Eckchen für ihre Babies, die sie dann mitbringen würden.“
Bärchen schaut mich erwartungsvoll an.
„Und..“, fahre ich ganz aufgeregt fort, „die Babies, die sie dann hätten, würden ganz freudig in ihre Händchen klatschen, und ihre Augen würden leuchten, wenn sie dich sehen und sie würden juchzen, und nicht weinen, so wie ich jetzt.“
Das findet Bärchen auch. Deshalb werden wir wohl nach Spanien gehen,.. dann später...vielleicht.